Donnerstag, 29. Oktober 2009

Raus aus dem Schema!

Vor einigen Wochen lautete eine Hausaufgabe, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Ich setzte mich tagelang mit möglichen Themen auseinander, dachte mir den Plot aus, formte Sätze, strich Sätze, verzweifelte vor dem weißen Bildschirm, kürzte einiges, damit ich die Längenvorgabe von einer Seite einhalten konnte... Und das Ergebnis stellte mich einigermaßen zufrieden. Im Vergleich zu den wenigen anderen Kurzgeschichten, die ich geschrieben habe, habe ich mich in einer Weise weiterentwickelt: Ältere Texte sind zwar nicht unbedingt schlecht, doch sie hatten immer dieses Schema 'Ein Mädchen meines Alters und ihre Alltags- oder Lebensprobleme'. Ich hatte immer befürchtet, nie aus diesem Schema herauszukommen. Doch bei der letzten Geschichte habe ich es geschafft, dies ist ein kleiner Erfolg für mich.


Die Studenten stürmen aus der Universität, andere diskutieren vielleicht noch über das neu erworbene leere Wissen. Ich folge dem Strom, lasse mich aus der Uni führen. Die Menge verflüchtet sich und schließlich bin ich alleine, allein gelassen mit dem Haus der Bildung im Rücken. Als ich einen kurzen Blick zurück werfe, scheint es, als ob über alledem ein Schatten liegt. Ein Schatten über der Bildung. ein dunkler Schlupfwinkel. Hier gehe ich ein und aus, ich weigere mich nicht, den Studenten das zu erzählen, was sie hören möchten. Das Hohe, zu viel vom zu Hohen.

Ein böiger Wind zieht auf. Er erinnert mich an mein Ritual des Freitagabends. Mein Kopf wird mit jedem Schritt gegen den Wind leerer und ich genieße diesen Zustand, der mir so oft verwehrt bleibt. Ich fliehe vor der überfüllten Stadt, vor den überfüllten Kaufhäusern und den ganzen Menschen, die den Überfluss lieben. Die Gassen sind nicht leer, aber frei von dem Zuviel.

Kurz vor meinem Ziel bricht der Himmel auf und gibt dem Regen seinen Raum. Ich renne die letzten paar Meter, um mich in meinen Schuppen zu flüchten. Hier steht es, genauso wie all die Freitage zuvor. Über lange Zeit habe ich das Boot restauriert, letzten Freitag ist es fertig geworden. Jetzt steht es hier, ruhig und geduldig. Ich erblicke einen weißen Farbeimer zu meinen Füßen. Ich suche einen Pinsel und schreibe 'Nirvana' auf den roten Lack.  Der Name kam mir heute morgen in den Sinn. Ein kleiner Geistesblitz eines eigentlich schon übermüdeten und überfüllten Geistes.

Plötzlich ist Stille. Ich öffne die Tür und sehe, dass sich der tosende Regen sowie der böige Winde verzogen haben. In der Ferne das Meer. Ruhig und friedlich. Rein und tief. Den Segelschein habe ich seit letzter Woche. Eigentlich dürfte mich nichts daran hindern, ins Meer zu fliehen. Aber irgendetwas hält mich hier. Jetzt frage ich mich, ob ich erst herausfinden soll, was es ist, oder ob ich es ignorieren und vergessen soll. Der Zweifel ist ein Gut der Bildung.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für deinen wundervollen Kommentar. Ich habe beim Schreiben auch genau diesen Song gehört, wahrscheinlich bilden Text und Musik deshalb so eine Einheit.
    "Für mich ist das ein Aufruf dazu, mit allen Sinnen, die mir zur Verfügung stehen, die Welt zu erfassen, und mich nicht dafür zu schämen, Dinge auf andere Art und Weise oder intensiver zu genießen, als es üblich ist."
    Das hast du fantastisch ausgedrückt, besser hätte ich es nicht un Worte fassen können. Man muss sich der Welt öffnen, nach innen und nach außen. Bloß, weil das nicht üblich ist - wie du sagst - ist es nicht verkehrt, im Gegenteil, ich finde es erfüllt auf eine ganz besondere Art und Weise. Es macht ruhig und zefrieden. Man nimmt sich einfach mal bewusst Zeit für sich selbst.
    Kunstorgie klingt genial. Was meinst du damit? Kunst in Gesellscahft zu machen oder sich einfach mal eine ordentliche Portion Zeit fürs Schöpfen nehmen?

    Deine Kurzgeschichte gefällt mir gut. Die Emotionen und die Atmosphäre kommen gut rüber und v.a. folgender Satz hat mir außerordentlich gut gefallen: "die Gassen sind nicht leer, aber frei von dem Zuviel"
    Aber ich finde, dem Schluss fehlt noch etwas... Abrundung. Irgendwie erwarte ich, wenn ich fertig mit Lesen bin, noch etwas. Oder ist das bewusst so gemacht?
    Das, was du mit dem Schema beschreibst, kenne ich nur all zu gut, aber ich finde es eigentlich auch verständlich. So lange man über das schreibt, was man kennt, ist man, was die Glaubwürdigkeit angeht, einfach auf der sicheren Seite. Dass wir mit unseren 16/17 Jahren über einen kleineren Erfahrungsschatz verfügen als 10 oder gar 20 Jahre ältere, ist wohl nicht zu leugnen. Aber man kann es natürlich versuchen, immer. Man kann andere Menschen beobachten, mit ihnen sprechen. Ich glaube, wenn man seine Menschenkenntniss schult, hat man gute Chancen, sich in die Figuren reinzuversetzen und authentisch zu schreiben.
    Ich finde es zudem verwunderlich, dass ihr im Unterricht selber schreibt und nicht nur analysiert, interpretiert, gestalterisch interpretiert oder erörtert. Würde ich auch gerne Mal im Unterricht machen.

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  2. Wobei, zu dem Thema mit dem Alter ist mir gerade eingefallen, dass beispielsweise Schiller mit seinen Räubern im Alter von 18 Jahren angefangen hat. Das finde ich schon heftig, aber mit solchen Genies sollte man sich sowieso nicht vergleichen :D

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